Gedanken aus Rom

Ob ich heute durch Rom gehe und mir die Plakate am Straßenrand ansehe, ob ich das Radio einschalte oder die Zeitschriften durchblättere – überall stoße ich auf die große, bunte Werbung, die mir alles zu versprechen scheint. Das schönste Auto, das größte Haus und natürlich auch die modischste Kleidung. Auffallend oft werde ich allerdings von Versicherungen umworben. Ob es nun um Schilde, Felsen oder Burgen geht, die italienischen Werbeslogans unterscheiden sich nahezu nicht von den deutschen. Und man kann nahezu alles versichern: Das Auto, das Haus, die eigene Gesundheit und die der Familie, die Möbel, die Urlaubsreise, ja selbst für meine Brille könnte ich eine Versicherung abschließen. Die Suche nach Sicherheit scheint ein Grundbedürfnis von uns Menschen zu sein. Ohne Absicherung, ohne Netz und doppelten Boden etwas zu wagen, erzeugt oft ein flaues Gefühl im Bauch. Und so scheuen wir uns oft nicht davor, einige Anstrengungen zu unternehmen, um endlich das Gefühl von Sicherheit in uns spüren zu dürfen.

„Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel. Und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden sehen den Menschensohn kommen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.

An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch: Wenn ihr das alles seht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. Wahrlich ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ (Mt. 24, 29 – 36)

Jesus redet im gesamten Kapitel 24 des Matthäusevangeliums über das Ende der Welt. Da viele dieser Verse dunkel und fremd klingen und auch alles andere als klar zu verstehen sind, bin ich selbst nur all zu gerne bereit dazu, dieses Abschnitte der Bibel mit einem leichtem Schaudern zu überblättern. Der Jüngste Tag ist eben der Jüngste Tag. Jesus selbst sagt, dass nur der Vater weiß, wann all diese Dinge geschehen werden. Wir können in dieser Hinsicht nichts unternehmen oder ändern. Zudem sollte man mit Spekulationen über diesen Tag sehr zurückhaltend sein. Und wer denkt schon gerne über den Weltuntergang nach? Er passt einfach nicht so recht in das Bild der guten Nachricht, in die Vorstellung, die wir von Gott und von Gottes Liebe haben.

Ich persönlich denke, dass wir gar nicht so weit in die Zukunft, bis zum Ende der Welt gehen müssen. Der Text ist viel dichter an unserem Leben hier und heute dran, als es auf den ersten Blick erscheint. „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Jesus verspricht uns mit diesem einen Satz, dass alles, was er uns gepredigt, versprochen und erklärt hat, für immer gilt und durch nichts ausgelöscht werden kann. „Himmel und Erde werden vergehen“ Natürlich ist in diesem Zusammenhang zunächst der Jüngste Tag gemeint. Aber es ist auch ein Symbol für das größte Chaos, das ich mir überhaupt vorstellen kann. Nichts auf der Welt folgt noch irgendwelchen Regeln, die ich verstehen könnte, alles gerät außer Kontrolle, der Überblick geht völlig verloren. „aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Ich denke, dass das Versprechen Jesu auch im kleinen, privaten Rahmen gilt. Wie oft habe ich in meinem Leben schon das Gefühl gehabt, völlig den Halt zu verlieren? Wie oft habe ich nicht mehr gewusst, auf was ich mich noch verlassen kann? Der Puls rast, der kühle Kopf ist schon lange verloren gegangen und auf die erste Panik folgt dann die Ratlosigkeit, die Verzweiflung. Wie oft habe ich schon nach einer Versicherung gesucht, die schlimmere Schäden als einen simplen Autounfall abdeckt? „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Jesus Christus nimmt uns mit diesen Worten in unserem Bedürfnis nach Sicherheit sehr ernst. Er berührt uns in unserem Innersten und will uns die Furcht davor nehmen, einmal nicht mehr abgesichert zu sein. Wir dürfen ihm mit dieser Zusage völlig vertrauen und wir können beruhigt sein, dass er sein Versprechen nicht brechen wird. Er streckt uns seine schützende Hand entgegen und möchte uns sicher durch die Höhen, aber vor allem auch durch die Tiefen unseres Leben führen. Diese Sicherheit ist durch nichts, durch gar nichts zu erschüttern und so gibt es Hoffnung in jeder Lebenslage und in jedem Schicksalsschlag.

„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Dadurch habe ich auch dann, wenn meine kleine Welt ins Wanken gerät und einzustürzen droht, eine Versicherung gefunden, bei der meine Seele endlich die Ruhe, die Sicherheit und die Zuversicht findet, nach der sie sich so sehr gesehnt hat.

Simon Bandh

Veröffentlicht in Gedanken